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Geschichte und Politik

Wenn der Sudan überhaupt das Interesse der westlichen Öffentlichkeit weckt, dann zumeist, weil sich der Blick auf die humanitäre Katastrophe in den Provinzen um Darfur im Westsudan richtet.

Darfur ist nicht nur eine Ortsbezeichnung, sondern steht längst für die humanitäre Katastrophe und die Ohnmacht der Helfer im westlichen Sudan an sich. Wer mit gefährlichem und fatalistischem Leichtsinn von Afrika als „sterbenden Kontinent“ spricht, der mag in Darfur seine scheinbare Bestätigung finden. Und Darfur ist als Brennpunkt des Medieninteresses am Sudan vielfach auch zum Synonym für den Sudan schlechthin geworden.

Nein – Darfur ist nicht der Sudan, sondern nur eine Facette eines afrikanischen Staates, dessen geschundene Bevölkerung in allen Regionen mit fast unüberwindbaren Problemen konfrontiert ist. Die Projekte der Initiative Sudan helfen Menschen im Süden des Landes, der seine eigene Geschichte von Krieg und Leid zu erzählen hat, aber auch von der begründeten Hoffnung, dass es eben doch eine bessere Zukunft geben könnte.

Krieg herrscht nicht mehr im südlichen Sudan, seitdem im Jahre 2005 nach 21 Jahren Bürgerkrieg endlich ein Friedensvertrag zwischen der Regierung in Khartoum unter Präsident Baschir und der den Süden vertretenden „Sudan People’s Liberation Movement“ (SPLM) geschlossen wurde. Es sollte ein Interessenausgleich erzielt werden, der dem muslimisch geprägten Norden ebenso entgegenkommt wie dem mehrheitlich christlichen Süden. Formal ist der südliche Sudan nun eine autonome Region innerhalb eines sudanesischen Gesamtstaates. Die islamische Scharia hat keine Rechtsgeltung mehr im Süden, beide Landesteile unterhalten eigene Finanz- und Justizverwaltungen sowie eigene Armeen, die Einnahmen aus dem Ölgeschäft sollen Nord und Süd gleichermaßen zufließen. Khartoum ist seitdem der Sitz der Regierung der nationalen Einheit, bestehend aus der Nationalen Kongresspartei (NCP), der Präsident Baschir angehört, und der Delegierten der SPLM, die den Vizepräsidenten stellt. 2011 soll die Bevölkerung des Südens schließlich in einem Referendum über die mögliche staatliche Unabhängigkeit des Südsudans entscheiden. Die UN unterstützen mit einer ständigen Mission diesen Friedensprozess, internationale Beobachter verfolgen das Geschehen mit vorsichtigem Optimismus.

Aber eine optimistische Perspektive ist kein Garant für das Gelingen des Projektes eines friedlichen Südsudans, der Friedenprozess ist längst kein Selbstläufer, der sich selbst überlassen werden kann – zu mannigfaltig sind die Schwierigkeiten, die sich der Bevölkerung des Südens und ihrer politischen Vertreter, der SPLM, stellen.

Ungefähr zwei Millionen Menschen haben in den Wirren des Bürgerkrieges den Tod gefunden, weitere vier Millionen wurden vertrieben: Viele dieser Vertriebenen wagen nun zaghaft eine Rückkehr, müssen angesiedelt und versorgt werden, um ihnen eine erste Lebensgrundlage zu verschaffen. Obwohl ein fruchtbares Land, ist die Landwirtschaft des Südens noch immer in desolatem Zustand, geteerte Straßen als Basis einer funktionierenden Infrastruktur für Handel, Transport und Versorgung der Bevölkerung gibt es kaum. Das Welternährungsprogramm der UN leistet nach wie vor mit Lebensmitteln, die von Flugzeugen abgeworfen werden, einen unverzichtbaren Beitrag für das Überleben der Menschen in zahlreichen Regionen des Südens. Sogar in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, gibt es keinen Strom oder fließendes Wasser. Rivalisierende Stammesgruppen sorgen immer wieder für Auseinandersetzungen und erzwingen kostspielige Militäreinsätze. Und auch die Lage im Westen des Sudan, das Menetekel Darfur, übt großen Einfluss auf die Entwicklung im Süden aus.

Es ist zum einen das schwierige Verhältnis zum Norden, dass die Entwicklung im Süden hemmt. Nur das Außenministerium wird von einem SPLM-Angehörigen gehalten, alle weiteren Kabinettsposten wie auch das Erdölministerium liegen in den Händen der NCP. Das so wichtige Ölgeschäft wird für die SPLM wenig transparent abgewickelt, und so ist es kaum verwunderlich, dass nur ein geringer Anteil der Einnahmen in den Süden fließt. So wächst die Unzufriedenheit unter der südsudanesischen Bevölkerung und die Zahl der Befürworter einer möglichen Unabhängigkeit nach 2011 nimmt zu.

Politische Unabhängigkeit ist nicht das vorrangige Ziel der SPLM. Sie denkt an einen Staat, in dem Nord und Süd gleichberechtigt miteinander existieren. Die Wahlen im Jahr 2009 sollen den Süden hierbei einen großen Schritt weiterbringen. Dazu hat die SPLM ihren Sitz von Juba nach Khartoum verlegt, um von dort aus gezielter für die Sache des Südens und die Idee eines friedlichen Gesamtsudan zu werben: Die nächsten Wahlen sollen die Verteilung zentraler politischer Ämter gerechter gestalten. Aber schon die Vorbereitungen für die Wahlen gestalten sich schwierig. So hat die Zentralregierung noch immer nicht die im Friedensabkommen festgelegte Volkszählung im Süden vorgenommen, welche die Anzahl der Wahlberechtigten hätte ermitteln können. Und so ist eine korrekte Einteilung von Nord und Süd in Wahlbezirke unmöglich, weil es noch immer keine verbindliche Grenze von Nord und Süd gibt.

Doch einige Probleme des Südens sind auch von seinen politischen Repräsentanten „hausgemacht“, ein Erbe der militanten Vergangenheit der SPLM. Die Organisation muss ihre alten Kämpfer versorgen, nicht zuletzt um neue Unruhen zu vermeiden. Das bedeutet auch, dass sich die SPLM um die Gleichbehandlung der Stammeszugehörigkeiten ihrer ehemaligen Mitstreiter bemühen muss, um Spannungen unter den Stämmen vorzubeugen – der Tribalismus ist eines der tiefgreifendsten Probleme afrikanischer Gesellschaften schlechthin. Das Ergebnis der “Versorgungspolitik“ der SPLM ist zum einen, dass die Armee künstlich groß gehalten wird, um die alten Kämpfer mit Lohn und Brot zufrieden zu stellen. 40 Prozent des Haushaltes des Südens werden somit für den Unterhalt der Armee aufgewendet, während ein Lehrer oft wochenlang auf sein Gehalt warten muss und Straßenbau und Landwirtschaft vernachlässigt werden. Zum anderen werden verdiente Weggefährten nur zu oft mit Posten in der Administration versehen, Amtswillkür und Korruption sind die Folge.

Die SPLM für diese Politik zu verurteilen erscheint angesichts der Realitäten vor Ort zu kurz gegriffen. Hinzu kommt, dass die ehemaligen Rebellen schlicht keine „gelernten“ Politiker oder auf internationalem Parkett erfahrene Wirtschafts- und Finanzfachleute sind. Die Verantwortlichen der SPLM sind oftmals einfach mit den Vorschriften von UN und Weltbank überfordert, erkennen ihre Möglichkeiten nicht und rufen längst nicht die Mittel ab, auf die der Südsudan einen Anspruch hätte.

Und da ist Darfur und die katastrophale Situation im Westsudan, die das Interesse der Weltöffentlichkeit wie auch die Hilfen der internationalen Gemeinschaft fordert. Hilfsorganisationen sind da, wo es brennt – und im Westsudan schlagen die Flammen ohne jede Frage in den Himmel. So konzentrieren sich die ausländischen Hilfen im Sudan zunehmend auf den Westen des Landes, viele Organisationen verlagern ihre Aktivitäten aus dem „friedlicheren“ Süden nach Darfur, wo die Helfer unter Lebensgefahr ihre Arbeit tun. 4,5 Milliarden Dollar haben dem Sudan bislang im Ganzen aus den Töpfen der UN und der Weltbank zur Verfügung gestanden. Davon sind zwei Milliarden Dollar zu Bekämpfung des schlimmsten Elends in Darfur eingesetzt worden. Dem Südsudan, dessen Friedensprozess selbst noch fragil und zahlreichen Belastungen ausgesetzt ist, standen nur 500 Millionen Dollar zur Verfügung. Warum diese Zeilen? Um die vorsichtigen Hoffnungen im Süden des Sudan gegen das Leid im Westen aufzurechnen? Das wäre blanker Zynismus und darum kann es nicht gehen! Nein, die Hilfen, die den gequälten Menschen in Darfur und den westlichen Provinzen zuteil werden, sind humanitär notwendig und unverzichtbar. Doch wir dürfen darüber nicht vergessen, wie wichtig auch die Unterstützung der Menschen in den anderen Teilen des Sudan ist. Die Projekte der Initiative Sudan bieten jungen Menschen eine Chance zur Bildung – und Bildung ist nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe, sondern auch einer der Grundpfeiler einer jeden Zivilgesellschaft. Schulen und Ausbildungsstätten im Südsudan helfen ganz konkret den Menschen, die dort lernen, und geben ihnen Hoffnung und eine Zukunftsperspektive. Mehr noch – sie geben auch dem ganzen Süden auf seinem beschwerlichen und noch langen Weg ein Beispiel für das, was mit gutem Willen, Arbeit Hand in Hand und viel Fleiß nicht nur für wenige, vielmehr für ein ganzes Land zu erreichen sein mag.